Vier Augen mehr für den Kirchplatz

Der Kirchenkreis engagiert sich für ‚seinen‘ Kirchplatz: Zwei Streetworker der Diakonie halten ab sofort täglich den Platz im Auge.

Der evangelische Kirchenkreis Wuppertal engagiert sich für ‚seinen‘ Kirchplatz: Zwei Streetworker aus dem Diakoniebereich ‚Aufsuchende Sozialarbeit‘ halten ab sofort täglich den Platz im Auge.

Der Kirchenkreis hat auf die veränderte Situation am Kirchplatz reagiert und eine Streetwork-Stelle geschaffen, die von der Stadt Wuppertal mitfinanziert wird. Judith Fröhlich und Klaus Krampitz (im Bild links und rechts) aus dem Bereich ‚Aufsuchende Sozialarbeit‘ der Diakonie Wuppertal werden ab Mitte August den Platz im Auge behalten. Denn durch die zeitlich begrenzte Ansiedlung des Drogenberatungscafés Cosa vom Döppersberg an den Kirchplatz hat sich die Situation auf dem Platz erheblich verändert: Während der Öffnungszeiten des Café Cosa bestimmen bei schönem Wetter immer mehr Besucher und Klienten des Cafés die ‚Stimmung‘ auf dem Platz. Lautstarke Auseinandersetzungen und auch vereinzelte Handgreiflichkeiten schüren bei den Anwohnern und Nutzern des Platzes Angst und Unsicherheit.

War das vorhersehbar? Mitnichten, sagen Klaudia Herring-Prestin für das Café Cosa und Michael Sengstmann für den Evangelischen Gesamtverband als Vermieter der Immobilie. „Hätten sich alle an die verabredeten Absprachen gehalten, sähe es heute vermutlich anders auch“, so Michael Sengstmann in einem WDR-Interview. Die bauliche Situation vor dem Café verhindert die geplante Transparenz und Offenheit der Caféarbeit nachhaltig. Auch der Raucherbereich im Innenhof konnte nicht wie geplant umgesetzt werden, so dass sich viel mehr vor der Tür abspielt als geplant.

Für Superintendentin Ilka Federschmidt ist das Engagement von Kirche und Diakonie auf dem Kirchplatz, das dankenswerterweise durch die Stadt finanziell unterstützt wird, ein verheißungsvoller Anfang: „Der Einsatz der Streetworker ist für uns als Kirche auch ein Modell, wie gutes Stadtklima durch präventive Arbeit für und mit unbequemen und manchmal unangenehmen Mitmenschen noch besser werden kann. Jenseits der Aufgaben von Polizei und Ordnungsamt bietet dieses Modell die Chance, Betroffene im Stadtbild nicht zu verdrängen und die Entwicklung der Innenstadtsituation nicht sich selbst zu überlassen.“ Auch Sozialdezernent Dr. Stefan Kühn ist von der Zusammenarbeit mit Kirche und Diakonie überzeugt: „"Wir wollen uns gemeinsam dafür einsetzen, Hilfen für Drogenkranke Menschen zu ermöglichen und gleichzeitig die Situation auf dem Kirchplatz zu verbessern."

Für Mirjam Michalski (im Bild in der Mitte), Geschäftsführerin der ‚Diakonie-Soziale Teilhabe gGmbH‘, bilden die beiden Streetworker eine Schnittstelle zwischen den diversen Nutzern des Platzes: „Unsere Mitarbeitenden sind Pädagogen, keine Platzhausmeister! Die von vielen als problematisch angesehene Klientel wird durch unsere Arbeit nicht vertrieben, sondern hier geht es um Vermittlungskompetenz durch den niederschwelligen Zugang zu den Menschen. Wir möchten die Zusammenarbeit am Platz stärken und gleichzeitig die betroffene Zielgruppe in die entsprechenden Hilfsangebote vermitteln.“ Und um das Miteinander geht es, zwischen Anwohnern und Nutzern, zwischen Geschäftsleuten, Gastronomiebetreibern und natürlich auch den Mitarbeitenden im Café Cosa. „Wir verstehen unsere Arbeit als Präventionsarbeit, die nur mit Sensibilität und Vertrauen gelingen kann.“

Für Judith Fröhlich, in Dorsten geboren, ist Wuppertal seit 2014 Arbeitsfeld und Passion: Die 31-jährige, die Sport in vielfacher Form als Ausgleich und Antrieb braucht, ist überzeugte Streetworkerin: „Ich liebe meinen Beruf auch deshalb, weil ich Schneisen schlagen kann gerade im Bereich derer, die keiner mehr im Blick hat. Gerade die Menschen auf der Straße sind die, um die sich keiner mehr kümmert. Hier braucht es Ausdauer und viele Gespräche, Kontakte und Begegnungen, bis so viel Vertrauen wächst, dass sie sich helfen lassen. Und wenn ich dann ein Lachen sehe in einem Gesicht, das verschlossen und verbittert scheint, dann ist der Tag für mich ein guter Tag.“

Klaus Krampitz aus Bochum arbeitet seit 1998 bei der Diakonie in der Beratungsarbeit. Vor sechs Jahren hat er bewusst seinen Schreibtisch gegen die Streetworkarbeit getauscht: „Auf der Straße kommt man näher an die Menschen ran. Ich wollte nicht mehr warten, bis sie zu mir kommen, sondern wollte hingehen, nachgehen, durchaus auch im christlichen Sinn.“ Auch er liebt und braucht es, nach der Arbeit sprichwörtlich wegzutauchen: Sein Garten und seine Haustiere sind seine Heimat, aber dazu taucht er auch gerne.

Für beide ist die Konstellation ihres Teams ideal: „Straßensozialarbeit geschieht möglichst immer zu zweit, auch um in Situationen besser deeskalierend wirken zu können. Zudem gibt es immer auch Klienten, die eher auf Männer, andere eher auf Frauen reagieren,“ sagt Krampitz.

Und beide nehmen die rasanten Veränderungen in ‚ihrer‘ Gesellschaft wahr: „Die Arbeit und unser Klientel ist vielschichtiger geworden. Das liegt an den multiplen Störungsbildern, an den neuen, vielschichtigen Drogen und auch an der größeren Freizügigkeit der Gesellschaft. Diesen Kampf besteht nicht jeder, und der Fall aus dieser Gesellschaft wird heftiger“, sagt Judith Fröhlich. „Den klassischen Junkie gibt es heute nicht mehr! Und je unterschiedlicher die Klienten, desto unterschiedlichere Lösungen müssen wir im Blick haben“, fasst Klaus Krampitz zusammen.

Wie die Zusammenarbeit am Platz praktisch aussehen wird, muss wachsen. In jedem Fall ist eine tägliche Präsenz der mit Namensschildern gekennzeichneten Streetworkern gesichert. Auch geregelte Gesprächsmöglichkeiten, Erreichbarkeit und die Möglichkeit einer ‚Anwohnersprechstunde‘ sind im Blick.

Und auch der nächste Schritt ist schon getan: „Nach Beginn der Maßnahme ist ein runder Tisch mit allen Beteiligten fest eingeplant, um die aktuelle Situation zu besprechen und notwendige konzeptionelle Anpassungen vorzunehmen“, so Mirjam Michalski von der Diakonie Wuppertal.

text und foto: werner jacken/öffentlichkeitsarbeit

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