„Nicht entmündigen, sondern helfen“

Die Diakonie Wuppertal – Soziale Teilhabe betreut Menschen, die ihren Alltag nicht mehr allein bewältigen können.

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Das BeWo-Team der Diakonie Wuppertal

Ob gesetzliche Betreuung oder Ambulant Betreutes Wohnen – die Diakonie Wuppertal Soziale Teilhabe gGmbH hilft Menschen, die aufgrund von psychischen Problemen, Behinderung oder Krankheit alleine nicht mehr zurechtkommen.

Ein Interview mit Cornelia Lieto, Leiterin Fachdienst Betreutes Wohnen, und Ulrich Dawin vom Evangelischen Verein für Betreuungen, Vormundschaften und Pflegschaften.

Beim Stichwort »Gesetzliche Betreuung« haben viele Menschen Angst vor einer Entmündigung. Ist das berechtigt?
Cornelia Lieto: Nein, wir wollen nicht entmündigen, sondern entlasten und helfen. Ein rechtlicher Betreuer kann nur nach strenger Prüfung der Umstände durch das Amtsgericht eingesetzt werden. Grundsätzlich müssen wir unterscheiden zwischen der gesetzlichen Betreuung, die durch das Amtsgericht eingeleitet wird und durchaus nur Teilbereiche betreffen kann, und dem Ambulant Betreuten Wohnen (BeWo). Das BeWo wird in der Regel freiwillig eingefordert und ist eine flankierende Hilfe, eine pädagogische Zuführung ins normale Leben.

Was sind denn Gründe für eine gesetzliche Betreuung?
Ulrich Dawin: Wenn sich eine alte Dame nach einem Schlaganfall nicht mehr alleine um ihre Bankangelegenheiten kümmern kann oder jemand aufgrund einer psychischen Beeinträchtigung Unterstützung bei rechtlichen Entscheidungen braucht, dann kommen wir als Evangelischer Betreuungsverein ins Spiel. Anlass ist oftmals eine sogenannte Betreuungsanregung, die an die Stadt oder an das Amtsgericht ausgesprochen wird. Jeder, dem eine hilflose Person auffällt, kann theoretisch eine solche Anregung aussprechen. Die Stadt ist verpflichtet, dem nachzugehen. Bedingung für eine gesetzliche Betreuung ist ein ärztliches Attest, das dem Betreuungsantrag beigelegt wird oder, wenn nicht vorhanden, vom Amtsgericht bei einem Gutachter in Auftrag gegeben wird.

Und was ist der Unterschied zum Ambulant Betreuten Wohnen?
Cornelia Lieto: Das Ambulant Betreute Wohnen ist eine freiwillige Leistung. Die Menschen bleiben in ihren Wohnungen. Aber, wenn es die Betroffenen nicht mehr schaffen, selbst für sich einzustehen, helfen wir. Häufig passiert das in Absprache mit anderen Hilfsangeboten wie der Suchtberatung oder der Schuldnerberatung. Wir nehmen den Menschen so, wie er kommt. Wenn jemand immer am fünften eines Monats pleite ist, aber keine Hilfe annehmen will, können wir nichts anderes machen, als den Menschen dort abzuholen, wo er gerade steht. Wir unterstützen, zwingen aber nichts auf. Da ist viel Beziehungsarbeit und Vertrauen notwendig. Aber es gibt natürlich auch stationäre Wohneinrichtungen wie das Diakoniezentrum Friedrich von Bodelschwingh mit dem Walter-Bertram-Haus für Menschen, die dauerhaft Hilfe bei der alltäglichen Lebensführung benötigen.

Und in welchen Bereichen ist Ihrer Erfahrung nach die meiste Hilfe notwendig?
Cornelia Lieto: Ambulante Betreuung kann auch in Teilbereichen stattfinden. Klassische Felder sind da zum Beispiel das Kümmern um die Post, die Gesundheits- und Wohnungsfürsorge sowie die Hilfe bei Vermögensfragen. Auch die Vertretung gegenüber Behörden ist ein wichtiger Punkt.

Wie ist das bei der gesetzlichen Betreuung. Passiert die über den Kopf der Betroffenen hinweg?
Ulrich Dawin: Uns ist es ganz wichtig, dass der Betreute immer einbezogen wird. Wenn eine alte Frau beispielsweise nicht mehr alleine in der Lage ist, sich um ihre Wohnung zu kümmern, dann kann die Wohnung nicht über ihren Kopf hinweg gekündigt oder aufgelöst werden. Wir bemühen uns um ein gutes und enges Verhältnis zu den Betroffenen. Je nach Bedingungen des Amtsgerichtes stecken wir die Rahmenbedingungen der rechtlichen Betreuung ab und gestalten Lösungswege. Wenn nötig, suchen wir ergänzende Hilfen durch ein Betreutes Wohnangebot, pflegerische Leistungen oder Hilfen im Haushalt. Es ist uns wichtig, dass jeder, der zu uns kommt, wieder ein selbstbestimmtes Leben führen kann.

Einmal betreut, immer betreut. Stimmt das so?
Ulrich Dawin: Die Betreuung arbeitet grundsätzlich darauf hin, dass der Betroffene im Idealfall wieder alleine zurechtkommt. Bei psychischen Beschwerden ist es durchaus möglich, nach einer Zeit wieder selbstständig zu werden. Aber natürlich gibt es zum Beispiel demenziell Erkrankte oder Menschen mit geistiger Behinderung, die auf Hilfe angewiesen bleiben. Spätestens alle sieben Jahre wird überprüft, ob die Betreuung weiterhin notwendig ist.

Angehörige können ja auch die gesetzliche Betreuung übernehmen. Wie werden sie dabei unterstützt?
Ulrich Dawin: Etwa die Hälfte der gesetzlichen Betreuungen übernehmen Angehörige. Sie sind meist Laien. Aber ihr großer Vorteil ist, dass sie die Betroffenen sehr gut kennen. Wir bieten ihnen konkrete Hilfe an: Bei Fragen oder Konflikten können sich Familienangehörige jederzeit an uns wenden. Außerdem planen wir ein offenes Café für ehrenamtliche Betreuer wie Familienangehörige, Freunde oder Nachbarn. Wir hoffen, auf diesem Wege auch neue ehrenamtliche Betreuer zu finden.

Cornelia Lieto: Die Betreuung kann sehr belastend sein und zieht sich teilweise über viele Jahre hin. Es kann zum Beispiel zu Konflikten kommen, wenn die Oma dem Lieblingsenkel immer Geld zusteckt, obwohl ihre Rente das gar nicht hergibt. Darum ist der Austausch und die Hilfe durch Profis sehr wichtig.

Aber es gibt doch auch extreme Fälle. Was muss denn passieren, damit jemand eingewiesen wird?
Cornelia Lieto: Das ist die allerletzte Möglichkeit. Unser oberstes Ziel ist es immer, dass die Menschen so lange wie möglich selbstständig sind. Dabei gilt immer: ambulant vor stationär. Wir versuchen, so viel wie möglich über ambulante Hilfen zu regeln. Aber wenn jemand sich selbst oder andere gefährdet, kann ein Antrag auf Unterbringung gestellt werden – auch gegen den Willen des Betroffenen. Zum Beispiel bei schizophrenen Episoden. Das kann aber manchmal sehr lange dauern. Für die Umwelt wie für Hausbewohner und auch für uns Profis ist das oft schwer zu ertragen, aber wir haben keine andere Handhabe.

Das Gespräch führte Nikola Dünow.

foto:jan kleinschmidt
text:nikola dünow/ör-mg

InfoBox

Cornelia Lieto leitet den Fachbereich Gefährdetenhilfe, hierzu gehört auch der Fachdienst Betreutes Wohnen. Im Ambulant Betreuten Wohnen nach §§ 53 und 67 ff. SGB XII sowie §35a SGB VIII werden Menschen für ein eigenständiges Leben in der eigenen Wohnung fit gemacht. Das Team begleitet zum Beispiel zu Behördenbesuchen und Arztterminen. Im BeWo-Team der Diakonie Wuppertal kümmern sich zehn Mitarbeitende um 130 Menschen.

Der Fachdienst Betreutes Wohnen sitzt an der Deweerthstraße 120 und ist unter Telefon 0202 26476070 oder 0202 974441107 zu erreichen.

Ulrich Dawin ist der fachliche Abteilungsleiter für den Bereich Betreuungen im Evangelischen Verein für Betreuungen, Vormundschaften und Pflegschaften e. V. Der Verein schult ehrenamtliche Betreuer, bildet sie fort und begleitet sie in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit. Im Bereich »Gesetzliche Betreuung« kümmern sich neun Mitarbeitende in sieben Vollzeitstellen um 310 Menschen.

Der Evangelische Verein für Betreuungen e. V. sitzt in der Nesselstraße 14 und ist unter Telefon 0202 97445620 zu erreichen.

Kontakt

Diakonie Wuppertal – Soziale Teilhabe gGmbH
Deweerthstr. 117
42107 Wuppertal
Telefon: 0202 / 97 444 - 0