»Der beste Job, den ich je hatte«

Seit einem Jahr ist Marcus Schulte Erziehungsleiter bei der Kinder – Jugend – Familie gGmbH (KJF) der Diakonie Wuppertal.

Marcus Schulte

Seit August 2017 ist Marcus Schulte Erziehungsleiter bei der Kinder – Jugend – Familie gGmbH (KJF) der Diakonie Wuppertal. Im Interview spricht der 44-jährige Diplom-Sozialpädagoge über seine Arbeit.

Wie sind Sie zur Diakonie gekommen und was haben Sie vorher gemacht?
Marcus Schulte: Zuerst war ich beim Jobcenter Wuppertal für Menschen in besonderen Lebenslagen verantwortlich. Im Anschluss daran war ich vier Jahre lang Schulsozialarbeiter an der St. Antonius Grundschule in Barmen. Zuletzt habe ich ein Jahr lang – inmitten der größten Flüchtlingswelle – die Inobhutnahmestelle für unbegleitete Flüchtlinge geleitet. So habe ich auch Bärbel Hoffmann, Geschäftsführerin der KJF, kennengelernt.

Was sind Ihre Aufgaben als Erziehungsleitung?
Marcus Schulte: Ich bin verantwortlich für sechs vollstationäre Gruppen in der Nesselstraße sowie für drei teilstationäre Tagesgruppen mit insgesamt 54 Plätzen für Kinder und Jugendliche zwischen zwei und 19 Jahren. Auch die Fachberatung der Gruppen gehört dazu, und ich kümmere mich beispielsweise um die Hilfeplanung zur Verselbstständigung der Jugendlichen ab 16 Jahren. Meine Aufgabe ist es auch, die Rahmenbedingungen für die Mitarbeitenden zu verbessern. Die Tätigkeit hier bringt eine hohe Belastung mit sich. Teilweise werden 24-Stunden-Dienste für sieben bis neun jungen Menschen geführt. Wer selbst Kinder zuhause hat, kann sich vorstellen, wie anstrengend das sein kann. So haben wir gerade einen Zwischendienst eingeführt, der die Mitarbeitenden tagsüber entlastet.

Sind Sie auch fest im Gruppendienst eingeteilt?
Marcus Schulte: Nein, aber ich bin bei den Teamsitzungen und bei dem Kinderparlament dabei und kenne alle Kinder und Jugendlichen. Ich bin viel in den Gruppen, um die Situation dort verstehen und beurteilen zu können. Nur so bekomme ich mit, was die Kinder und Jugendlichen brauchen und kann beispielsweise die Gruppenaktivitäten planen. Es ist ganz wichtig, dass ich Zeit mit den Kids verbringe. Nur wenn sie ich kenne und sie mir vertrauen, kommen sich auch mit ihren Sorgen zu mir.

Was reizt Sie besonders an Ihrer Arbeit?
Marcus Schulte: Die große Vielfalt. Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich. Und für mich ist es eine schöne Aufgabe, dazu beitragen zu können, dass die Lebensbedingungen und -chancen der jungen Leute verbessert werden. Wir müssen überlegen, was wir ihnen mitgeben, damit sie ein selbständiges und gemeinschaftsfähiges Leben führen können. Die Erziehung dazu ist unsere Hauptaufgabe. Daran arbeiten wir alle gemeinsam als Team.

Gelingt Ihnen das?
Marcus Schulte: Überwiegend schon. Wir versuchen, jeden individuell optimal zu unterstützen. Hier leben ganz »normale« Jugendliche. Manche von ihnen bereiten sich aufs Abi vor, andere spielen in einer Band oder es dreht sich alles um Fußball. Einige von ihnen werden später studieren. Aber es gibt natürlich auch Familien, bei denen Kinder über Generationen hinweg in der stationären Einrichtung leben.

Was sind denn die Gründe für Inobhutnahmen?
Marcus Schulte: Die Kinder sind aus ganz unterschiedlichen Gründen hier: Eine Krise in der Familie, ausgelöst zum Beispiel nach dem Tod des Partners, durch seelische Erkrankungen oder Schulden können dazu führen, dass die Familie nicht länger zusammenbleiben kann. In Absprache mit dem Jugendamt werden die Hilfeziele jeweils für sechs Monate festgelegt. Da für die Kinder die Eltern in der Regel sehr wichtig sind, ist auch die Elternarbeit eine wichtige Aufgabe für uns. Wir verstehen uns als Partner der Eltern. Es ist durchaus denkbar und erstrebenswert, dass die Kinder nach einer Stabilisierung wieder in die Herkunftsfamilien zurückgehen.

Macht Ihnen Ihre Arbeit Freude?
Marcus Schulte: Es ist definitiv der beste Job, den ich je hatte. Es gibt viele schöne Momente hier. Es ist toll, Kontakt zu so vielen Menschen zu haben. Und wir haben alle das gemeinsame Ziel, den Kindern ein stabiles und wertschätzendes Umfeld zu geben und eine Perspektive für die Zukunft. Wir arbeiten sehr kooperativ und auf Augenhöhe mit den Jugendlichen und setzen stark auf Beziehungsarbeit. Wir sehen es als unseren Auftrag, sie beim Aufwachsen zu unterstützen. Ich spüre sehr viel Vertrauen und Zusammenhalt bei der Diakonie.

Wann geraten Sie an Ihre Grenzen?
Marcus Schulte: Man braucht einen langen Atem. Frau Hoffmann hat mich am Anfang in weiser Voraussicht gewarnt: Die Arbeit sei nichts für Sprinter, vielmehr bräuchte man Ausdauer für die Langstrecke. Sie hat definitiv recht (lacht).
Ich kann nicht in allen neun Gruppen gleichzeitig sein und allen gleich gerecht werden. Aber zum Glück haben wir ja alle Supervision und auch der kollegiale Austausch ist sehr wichtig. Teilweise sind die Kids hier aufgrund ihrer Vorgeschichte schwer belastet und es liegt an uns, sie aufzufangen. Bei aller Professionalität berührt uns das natürlich auch.

foto: jan kleinschmidt
text: nikola dünow/ör-mg

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