Das Wunder von Wuppertal

Viele Kirchengemeinden bieten an Heiligabend eine Feier für alleinstehende Menschen an. Doch nirgendwo ist sie so groß wie in Wuppertal. Seit 1975 laden Diakonie, Caritas und CVJM in die Historische Stadthalle ein. Jedes Jahr kommen rund 600 Gäste. Susanne Probach gehört zum Organisationsteam eines Weihnachtsevents, das viele gerne als "Wunder von Wuppertal" bezeichnen.

650 Tafeln Schokolade, 170 Packungen Lebkuchenkerzen, 120 Packungen Kaffeesahne, 100 Kerzen, 700 Weihnachtsteller – Die Liste der Lebensmitteln und Weihnachtsdekoration ist lang, die Susanne Probach Posten für Posten abhakt. Immer wieder klingelt ihr Handy. Kurz vor Heiligabend steigt der Stresspegel bei der 62-jährigen Erzieherin. Kein Wunder, denn sie organisiert federführend die wohl größte Weihnachtsfeier für alleinstehende Menschen in Deutschland.

Rund 600 Gäste kommen jedes Jahr in die Historische Stadthalle nach Wuppertal, um gemeinsam Weihnachten zu feiern. Und zwar genau dann, wenn das wichtigste deutsche Familienfest traditionell stattfindet: zwischen 19 und 23 Uhr. "Diese Feier hat eine ganz besondere Atmosphäre", sagt Susanne Probach. "Wer einmal dabei war, kommt gerne wieder."

Kein Weihnachten ohne diese Feier

Schon seit 1981 hilft die Erzieherin bei der Organisation. Das tat sie zunächst als Festangestellte beim CVJM Elberfeld. Als sie sich beruflich veränderte und Kinder bekam, blieb sie ehrenamtlich dabei. Seit dem Jahr 2000 gehört sie zum Organisationsteam, das von Diakonie, Caritas und CVJM gebildet und von rund 100 ehrenamtlichen Helfern unterstützt wird. "Es ist mir einfach eine Herzensangelegenheit", betont sie. "Ich könnte gar nicht ohne dieses Fest Weihnachten feiern."

Wenn bis zum Mittag des Heiligabends alle Tische in der Stadthalle weihnachtlich dekoriert und gedeckt sind, die Lebensmittel in der Küche bereit stehen, alle Helfer ihren Platz und ihre Aufgaben kennen und das Programm endgültig steht, kann sich Susanne Probach erstmal entspannen. Mit ihrer Familie feiert sie Weihnachten. "Aber spätestens um 21 Uhr werde ich unruhig", erzählt sie und lacht. "Dann fahre ich mit meinem Mann und meiner Tochter in die Stadthalle, um zu sehen, ob auch alles gut läuft."

     

An Heiligabend feiern Gäste aus allen sozialen Schichten zusammen Weihnachten. (Foto: Susanne Probach)

Harmonisch trotz aller Unterschiede

Was meistens der Fall ist. Sicher gebe es mal kleinere Pannen, wenn zum Beispiel gebuchte Künstler nicht zur Feier erscheinen, Geschenktüten fehlen oder Ehrenamtliche sich nicht so um die Gäste kümmern wie es abgesprochen war. "Aber für mich ist es immer wieder ein Wunder, wie harmonisch diese Feier verläuft", betont Susanne Probach. "Dabei könnten unsere Gäste und ehrenamtlichen Helfer nicht unterschiedlicher sein."

Das Publikum besteht aus alleinstehenden, älteren Frauen und Männern aller sozialen Schichten. Neben Gästen mit gutem Einkommen sitzen arme Rentnerinnen, erwerbslose und wohnungslose Menschen. Unter den Ehrenamtlichen sei vom Professor und Studenten bis zum Arbeitslosen alles dabei, erzählt Susanne Probach. "Alle wollen an Heiligabend etwas Sinnvolles tun."

Die Helferinnen und Helfer sind Gastgeber an den 30 langen Tischen im Saal und achten darauf, dass die Gäste ihr Essen, ihre bunten Weihnachtsteller und Geschenktüten erhalten und miteinander ins Gespräch kommen. Sie sitzen an der Abendkasse und Garderobe, übernehmen den Türdienst, helfen in der Küche und betreuen die ehrenamtlich auftretenden Künstler.     

Diakonievorstand Dr. Martin Hamburger kommt zu jeder Weihnachtsfeier. 

Feiern in der "guten Stube Wuppertals"

Wie in den meisten deutschen Familien wird auch in der Historischen Stadthalle traditionell gefeiert. Es gibt eine Weihnachtsandacht, die jedes Jahr abwechselnd ein Vorstand der Diakonie oder Caritas hält. Es wird gesungen und die Weihnachtsgeschichte vorgelesen. Nach dem gemeinsamen Essen treten Musiker, Akrobaten und Tänzer auf.

Diakonievorstand Martin Hamburger ist jedes Jahr dabei – auch, wenn er nicht die Andacht hält. Er sucht das Gespräch mit den Gästen, hört zu, tröstet bisweilen und erklärt, wo sie in der Stadt Hilfe bekommen, weil sie einsam, arm, krank oder überschuldet sind. "In diesen Tagen werde ich oft auf der Straße angesprochen, dass wir uns ja bald auf der Weihnachtsfeier sehen", erzählt er. "Die Historische Stadthalle ist die gute Stube Wuppertals. Dorthin eingeladen zu werden, bedeutet unseren Gästen sehr viel."

     

Sie organisiert nicht nur, sondern packt auch kräftig mit an: Susanne Probach bringt die Weihnachtskugeln zur Historischen Stadthalle.

Auch der Oberbürgermeister kommt

Für drei Euro können sich alleinstehende Wuppertaler ab 18 Jahren eine Karte kaufen. Jeder Platz kostet laut Susanne Probach rund 25 Euro. Finanziert wird das Weihnachtsevent durch Spenden und Mittel der Diakonie, Caritas und der Stadt. Daher lässt es sich auch der Oberbürgermeister nicht nehmen, auf der Weihnachtsfeier ein Grußwort zu sprechen. Eine Wertschätzung, die bei den meisten Gästen gut ankomme, erzählt Susanne Probach.

Wie sehr die Feier, die 1961 in einem Festsaal des CVJM begann, in der Stadt verwurzelt ist, zeigt sich schließlich am Ende. Dann stehen lauter Wuppertaler mit ihren Autos vor der Stadthalle, um die Gäste nach Hause zu fahren. Organisieren müssen Susanne Probach und ihre Helfer das nicht. Es hat einfach Tradition. "Das ist für mich das größte Weihnachtswunder von Wuppertal", meint die Erzieherin.

Text und Fotos: Sabine Damaschke/Diakonie RWL; Teaserfoto: Wolf Birke/Historische Stadthalle Wuppertal

Hier geht's zum Artikel auf der Seite der Diakonie RWL.

Kontakt

Diakonie Wuppertal – Soziale Teilhabe gGmbH
Deweerthstr. 117
42107 Wuppertal
Telefon: 0202 / 97 444 - 0